Badischer Kirchenmusikpreis 2012
(überreicht am 2. Oktober 2012)

 

Laudatio
 

Die Walcker-Orgel der Christuskirche in Heidelberg 

 

Der badische Kirchenmusikpreis für eine Orgel? Auch wenn sie so groß und so besonders ist wie die der Heidelberger Christuskirche? Bislang wurde der Preis stets an Menschen verliehen, die sich mit besonderen Leistungen im Feld der Kirchenmusik hervorgetan haben, aber nicht an die Werkzeuge, die ihnen ihren Dienst ermöglichen. Beim genaueren Hinsehen ist es jedoch auch in diesem Fall so: Nicht die Orgel wird durch die Verleihung des Preises geehrt, sondern die Personen, die sich in beispielhafter Weise für ihren Erhalt, ihre Restaurierung, ihre Rekonstruktion eingesetzt haben und die seit Jahren zusammen mit ihr den Dienst versehen und so ein gelungenes Beispiel für nebenamtliches kirchenmusikalisches Wirken auf hohem Niveau geben.

In diesem Sinne erhält der von Pfarrern und Pfarrerinnen gelegentlich unbedacht gesagte Satz „die Orgel spielt nun das nächste Lied“ eine neue Deutung. Wenn wir heute sagen „Die Orgel der Christuskirche erhält den badischen Kirchenmusikpreis 2012“ meinen wir selbstverständlich eigentlich die Kirchenmusiker, die Spendensammlerinnen und -geber, die Orgelfachleute, die ganze Gemeinde.

Die Walcker-Orgel der Christuskirche ist ein Symbol. Ein Symbol für Wertschätzung und Werterhalt, aber auch für einen Lernprozess. Beim Bau 1903 wurde ihr eine solide technische und musikalische Basis sozusagen in die Wiege gelegt, viele Jahre füllte ihr sonorer Klang den Raum. Im Alter von 50 Jahren kam die Krise – Neu- und Umorientierung war angesagt. Wie im richtigen Leben geht ein tief greifender Lebenswandel mit neuem Partner (hier einem Organisten) aber zuweilen schief. So auch der Orgelumbau, der 1954 abgeschlossen war. Nach Ruhestand des für den Umbau verantwortlichen Lebensabschnittsgefährten fiel die Partnerwahl zunehmend schwerer – die Diskrepanz zwischen „romantischem“ Herz und vorgeblich „nüchterner“ Stimme trat immer störender zutage, vergällte die Beziehungen. Mit dem Alter kam letztlich aber die Weisheit zurück, das Erinnern an die Wurzeln, an eine gute Kinderstube, an Heimat.

Die am Prozess der jetzigen Orgelüberarbeitung Beteiligten zeigten Mut und Können, indem sie bereit und in der Lage waren, die Fehler der Vergangenheit zu erkennen und zu benennen, die Ursachen der Beziehungsstörung zu beseitigen und nicht nur einige Symptome zu bekämpfen und der Erkenntnis Raum zu geben, dass manches von den Vorvätern Ererbte nicht nur erhaltenswert ist, sondern in einem stimmigen Kontext sogar schöner und begehrenswerter erscheint als manche effekthascherische Mode. Es ist großartig, dass durch die gutnachbarschaftlichen Beziehungen zur Hochschule für Kirchenmusik junge Menschen aus inspirierenden Klängen Ideen, Motivation und Ansporn schöpfen können für ihren späteren kirchenmusikalischen Dienst.

Es ist ein schönes Sinnbild, dass dank der Rekonstruktion nun wieder Luft statt Strom im Kreislauf der Orgel strömt, dieselbe Luft, welche die Pfeifen der Orgel zum Klingen anregt und die auch als Medium für unseren Atem, für unsere Sprache und unseren Gesang dient.

Die Restaurierung hat hunderten beschnittenen, verkümmerten Pfeifen der Orgel wieder ihre von ihrem Erbauer gegebenen tragenden oder zarten, farbenfrohen oder melancholischen Stimmen zurückgegeben. Gemeinden wachsen und gedeihen ebenso, wenn nicht nur laute und schrille Stimmen Gehör finden, Charaktere, die sich verbiegen oder verstellen müssen, sondern alle sich so einbringen können, wie sie vom Schöpfer gedacht und gemacht sind.

In diesem Sinne wünsche ich der wieder entstandenen Königin der Instrumente in der Christuskirche Heidelberg verständige und begeisterungsfähige Nutzer und Hörerinnen zum Wohle einer blühenden Gemeinde. Vielleicht gelingt es ja irgendwann sogar noch, die im Wirren der Beziehungskrise verloren gegangene Krone des Instrumentes, die auf Abbildungen gut erkennbaren bekrönenden Schnitzereien wieder zu gewinnen. Vielleicht kann das Preisgeld hierfür ein kleiner Grundstock sein.  

OKR Dr. Matthias Kreplin

 

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